Mittwoch, 2. November 2011

Die barfüßige Witwe: Salvatore Niffois Roman gibt Einblicke in die archaische Welt Sardiniens

Die schöne Mintonia versteht die Welt nicht mehr. Sie haben ihr ihren Mann abgeschlachtet und wie ein Schwein mit Axthieben zerlegt vor die Tür gelegt. Jetzt ist sie alleine mit ihrem Schmerz.

In seinem 200 Seiten starken Roman beschreibt Salvatore Niffoi die Geschichte der jungen Mintonia aus Taculè, die sich in einer nicht allzu fernen Zeit Hals über Kopf in den rebellischen Schafhirten Micheddu verliebt.
Es ist die Zeit zwischen 1915 und 1940 in einem Dorf der Barbagia, wo an alten Glaubenssätzen festgehalten wird, Blutrache herrscht und Männer, die sich vieler Freundinnen rühmen, als viril gelten.
Gegen den Widerstand der eigenen Familie heiratet Mintonia ihren Micheddu. Er ist ihre große Liebe. Und für ihn bringt sie große Opfer: sie erduldet seine Flucht vor den faschistischen Dorfpolizisten, sieht über den Klatsch der Dorfgemeinschaft und sein uneheliches Kind hinweg.
Als sie Micheddu an einem Junimorgen bestialisch ermordet auffindet, kann sie noch nicht einmal weinen und schmiedet einen entsetzlichen Racheplan.

Salvatore Niffoi gelingt es mit diesem Buch, dem Leser einen realistischen Einblick in die raue und archaische Welt Sardiniens zu geben. Die schonungslosen, doch zugleich sprachgewaltigen Formulierungen lassen den Leser manchmal erschaudern, doch nur so kann man wohl eine solche rohe und von festgefahrenen Verhaltensmustern geprägte Welt wirklichkeitsnah beschreiben. Das Buch liest sich wie eine Liebestragödie nur in Romanform. Am Ende ist er tot und sie in einem fernen Land.

Salvatore Niffoi wurde 1950 in Orani geboren. In Italien ist er einer der großen literarischen Überraschungserfolge der letzten Jahre. In den Büchern des Lehrers, der auch als Maler und Keramikkünstler tätig ist, finden sich alle Elemente einträglicher, zeitgenössischer Erzählliteratur. Obwohl Niffoi zahlreiche sardische Wörter und Themen der traditionellen Literatur verwendet, gelingt es ihm in seinen Texten auch immer eine moderne Perspektive zu schaffen. Für seinen 2006 erschienenen Roman La Vedova Scalza (dt. die barfüßige Witwe) erhielt er den Literaturpreis "Premio Campiello".





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