Freitag, 28. August 2015

Die Fotografin Marianne Sin-Pfältzer ist tot. Sie erlag Verletzungen nach einem Unfall

Sie hat den Kampf verloren: Wie heute Morgen bekannt wurde, ist die deutsche Fotografin Marianne Sin-Pfältzer, die vorvergangene Woche von einem Auto angefahren wurde, gestern Mittag 89-jährig im Krankenhaus in Nuoro gestorben.

Die gebürtige Hanauerin zählte zu den großen Meistern der Nachkriegszeit: Ob internationale Prominenz, berühmte Schauspieler, einfache Arbeiter oder Frauen und Kinder - in ihren Porträts hielt sie besondere und einschneidende Momente des 20. Jahrhunderts fest.

1950 reiste sie zum ersten Mal nach Sardinien, um als Erzieherin bei einer Familie auf La Maddalena zu arbeiten. Nach Ablauf ihrer Aufenthaltsgenehmigung kehrte sie nach Deutschland zurück. Sie begann ein Studium an der Bayerischen Staatslehranstalt für Photographie, das sie nach knapp einem Jahr aus finanziellen Gründen abbrechen musste. Um ihre Fotokenntnisse zu vertiefen fuhr sie nach Frankreich, wagte schließlich den Sprung in die Selbstständigkeit und kehrte 1955 zurück auf ihre Insel. In den darauffolgenden Jahren zeichnete sie ein sehr persönliches Bild von Land und Leuten und den Veränderungen im Nachkriegssardinien - alles in streng gegliederten Kompositionen, die eine starke Innerlichkeit und Tiefe erreichen. Doch sie schuf nicht nur unvergessliche Aufnahmen, sondern baute dazu eine der größten Sammlung mit sozialdokumentarischen Sardinien-Motiven aus dem 20. Jahrhundert auf.

Viele Bilder von Marianne Sin-Pfälzer, die auf Sardinien ihre Wahlheimat gefunden hatte, erschienen im Ilisso Verlag. Eine Auswahl von über 327 Fotografien zeigt der Titel „Sardinien. Menschliche Landschaften“.

Kommentare:

  1. Hildegard Geberth31. August 2015 um 08:10

    Ihre Portraitfotos meistens in schwarz-weiß sind großartig. Sie hat sich immer sehr viel Zeit genommen, um ihr Gegenüber ins richtige Licht zu setzen.
    Ich hoffe sehr, daß die Stadt Hanau ihr eine Sonderausstellung widmet.

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  2. Leider fand diese wunderbare Künstlerin zeit ihres Lebens in Hanau keine Anerkennung!...die Stadt Hanau hat es abgelehnt, ihr fotografisches Vermächtnis zu übernehmen, nicht zuletzt aus dieser Enttäuschung heraus hat sie der Stadt Hanau den Rücken gekehrt und ist nach Sardinien ausgewandert.
    Ihr nach ihrem Tod eine Sonderausstellung zu widmen, wäre natürlich begrüßenswert, kommt aber für die Künstlerin, als lebenswichtige Anerkennung , zu spät!

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  3. Ja, es wäre schön, wenn man sich in Hanau zu einem würdigen Gedenken an das Leben und Schaffen dieser aussergewöhnlichen Frau entschliessen könnte. Schön für uns. Für Marianne Sin-Pfältzer käme es nunmehr zu spät. Alle noch denkbaren Ausstellungen und Würdigungen helfen ihr nicht mehr. Ihr malträtierter Körper liegt jetzt unter der Erde. Könnte ihre verletzte Seele noch zu uns sprechen, würde sie sicher sagen, dass wir uns lieber um die lebenden Künstler kümmern sollten. Das würde sie sagen. Ich habe selten einen Menschen getroffen, auf den die Bezeichnung 'Gutmensch' im besten Sinne des heute meist als Schimpfwort verwendeten Begriffes zutrifft. Sie dachte immer an andere zuerst und an sich selbst zuletzt. Ihre Freunde kennen sie nicht anders. Keine Charaktereigenschaft, die eine steile Karriere verspricht. Auch nicht in der Fotografie und schon gar nicht als Frau. 

    Über ihre Verletzungen hat sie nie gesprochen, über ihre Träume viel und lebhaft. Zwei ihrer letzten Träume, an denen sie unermüdlich plante, waren eine Ausstellung und vor allem ihre Ideen für Kinderbücher. Kinder waren für sie unendlich wichtig. 
    Hanau hatte Marianne Sin-Pfältzer hinter sich gelassen. Dort steht noch ihr Elternhaus. Sardinien war ihre grosse Liebe. Dass ausgerechnet dort nie eine Ausstellung realisierbar war, hat sie nie verwunden. Salvatore Novellu hat das in seinem Nachruf in den Cronache Nuoresi bei aller gebotenen Diplomatie auf einer Insel, auf der jeder jeden kennt, so umschrieben:

    "Viele, Institutionen eingeschlossen, kennen heute nicht einmal ihren Namen und wissen nicht, was ihr Werk für unser Land hätte bedeuten können. Oder sie hatten es vielleicht vorgezogen so zu tun, als ob sie es nicht wüssten, wohingegen diejenigen, die es wussten und die Möglichkeiten hatten, offenbar nicht genug taten, um ihr in ihren letzten Lebensjahren Frieden zu schenken. Aber so ist das Leben. Hart, so wie es ihr Charakter war. Undankbar, ganz im Gegensatz zu dem, wie sie vor allem uns gegenüber war."
    (http://cronachenuoresi.it/2015/08/28/lutto-nella-fotografia-si-e-spenta-a-nuoro-la-fotografa-tedesca-marianne-sin-pfaltzer/)

    Wer mit den sardischen Verhältnissen vertraut ist, versteht worauf das obige Zitat auch noch anspielt. Das übliche Wappen der Autonomen Region Sardinien, das in den 'libri sardi' für einen meist deftigen Druckkostenzuschuss steht, sucht man in den Bildbänden von Marianne Sin-Pfältzer vergeblich. Dass dennoch mit Hilfe ihrer Freunde im Ilisso-Verlag in Nuoro nach jahrelangen Vorarbeiten 2013 endlich der Bildband SARDEGNA-PAESAGGI UMANI erscheinen konnte, war ihre grösste Freude der letzten Jahre. Und nicht nur ihre. Ich erinnere mich an eine Szene auf offener Strasse in Nuoro: Ein älterer Mann verfolgt Marianne mit ausgestreckten Händen wie ein Bettler bis sie schliesslich stehen bleibt, um ihn abzuwimmeln; der hingegen sinkt vor ihr auf die Knie, nimmt ihre Hände und bedankt sich bei ihr mit Tränen der Rührung für das wundervolle Buch über seine Insel.

    In dem zitierten Nachruf zählt der Autor zwei einschneidende Ereignisse auf, in denen Sardinien Verrat an Marianne Sin-Pfältzer begangen hat. Heute morgen kam der dritte hinzu. Marianne Sin-Pfältzer 
    wurde in Nuoro in einem Verwaltungsakt beigesetzt ohne ihre amtlicherseits sehr wohl bekannten Freunde zu benachrichtigen. 

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